Erinnerung und Gedenken

Denkmal für die jüdischen Ärzte in Hannover

Im April 2007 sprach mich die Ärztekammer Niedersachsen an und berichtete mir, dass sich ein Arbeitskreis gebildet hat, der sich mit dem Thema „Jüdische Ärzte in Niedersachsen“ auseinandersetzt. Mein Interesse war sofort geweckt, schließlich habe ich mich bereits vor vielen Jahren, am Anfang meiner Ausbildung, mit dem Thema „Alltag im Nationalsozialismus“ beschäftigt. Darüber hinaus war unser Büro mit der Beleuchtungsplanung mehrerer Gedenkstätten, wie Mittelbau Dora oder der VW-Gedenkstätte für Zwangsarbeiter beauftragt.

In zahlreichen Gesprächen und bei einem ersten Treffen mit dem  „Arbeitskreises jüdische Ärzte“ stellte ich verschiedene mögliche gestalterische Ansätze vor. Wir legten gemeinsam das Material und die Rahmenbedingungen fest. Der Arbeitskreis schaute sich verschiedene mögliche Auf-stellorte an und legte sich auf die Etage der Geschäfts-stelle der Ärztekammer fest.

Obwohl wir an einen festen, dauerhaften Standort dachten, sollte das Denkmal transportabel bleiben, um es  evtl. auch an anderen Orten und Veranstaltungen auf-stellen zu können.

Normaler Auftrag oder besondere Herausforderung?

Ich werde häufiger gefragt, ob das denn ein „normaler Auftrag sei, oder eine besondere Herausforderung für mich darstelle.

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Im Grundsatz arbeitet man als Bildhauer, Gestalter oder Designer wie an jedem anderen Auftrag auch.

Das Thema wird eingegrenzt, der Standort festgelegt, die Größe besprochen, der inhaltliche Anspruch festgemacht. Es wird ein gestalterischer Leitfaden entwickelt, die technische Umsetzung geprüft, die Kosten geschätzt. Realisierungsmöglichkeiten und Lieferzeiten werden angefragt. In welcher Größe können  die Glaswürfel hergestellt werde, Ideen werden verworfen und Details geändert um einen bestimmten Kostenrahmen nicht zu sprengen.  Gibt es genug historisches Bildmaterial. Lässt sich das Material in hinreichender Qualität digitalisieren? Kalkulation und Angebotseinholung, Ernüchterung als die Zahlen zusammen ge-schrieben sind, neue Überlegungen, kann man das noch preiswerter machen…

Alles wie bei einem ganz normalen Auftrag. Und dennoch ist es etwas besonderes, an diesem Thema zu arbeiten. Es gilt, den gestalterischen Spagat zu schaffen, die Thematik auf der einen Seite spannend und zeitgemäß  zu gestalten, auf der anderen Seite verträgt das Thema keine oberflächlichen Effekte. Solch ein Denkmal ist extrem langlebig angelegt. Denn, wer würde es wagen, ein Denkmal zu diesem Thema wieder zu entfernen? Die Arbeit muss auch in 20 oder 30  Jahren aktuell sein aber sie  soll dennoch unseren heutigen Zeitgeist wider spiegeln.

Welche Aufgabe kann das Denkmal in der Ärztekammer haben? Soll die Skulptur Betroffenheit wecken, und an die individuellen Versäumnisse und die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen erinnern? Oder soll sie uns zum Innehalten bringen, ein wenig Zeit zu opfern und sich auf einen Dialog mit der Skulptur und dem Thema “jüdische Ärzte in Hannover“ einzulassen? Aber wie gelingt es, den Besucher des Ärztehauses dazu zu bewegen, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, sein Interesse zu wecken, nachzudenken und zu fühlen und etwas mit nach Hause zu nehmen?

Wie geht man die Arbeit an solch ein Thema heran? Ich wollte nicht Betroffenheit und Schuldgefühle auslösen, sondern lebendiges Interesse wecken. Wie war das damals eigentlich, was ist da passiert. Das waren alles Menschen aus unserer Mitte, geachtet und gebraucht, z. B. Kinderärzte. Wie fühlte sich eine Mutter, wenn der Arzt, dem sie jahrelang ihr Vertrauen geschenkt hat, nur wegen seiner Religionszugehörigkeit plötzlich nicht mehr da war.

Es stellte sich die Frage nach dem Material: Meiner  Meinung nach kamen eigentlich nur 2 Materialien in Frage. Bronze, als das klassische Bildhauermedium, oder Glas als Material unserer Zeit. Ich habe mich für Glas entschieden. Glas ist für mich ein demokratisches Material. Es ist zeitgemäß und trotzdem auch noch in vielen Jahrzehnten aktuell. Zudem altert es nicht. Wir haben uns für Glaskuben aus 100 x  100 mm optischen Glas entschieden in  das Texte und Bilder hinein gelasert werden. Wir haben optisches Glas gewählt, weil  normales Float Glas in der Stärke von 10 cm durch die Lichtbrechung grün aussehen würde. Optische Glas dagegen bleibt weiß. Die Bilddaten und Textdateien haben wir digital aufbereitet und von einem Fachbetrieb unseren Vorgaben entsprechend in das Glas hinein lasern lassen. Der Laserstrahl durchdringt dabei die Glasoberfläche und erhitzt dabei das Glas im Inneren auf kleinstem Raum für einen winzigen Augenblick auf über 20.000° C Grad. Es entstehen Millionen von mikroskopisch kleinsten Rissen, an denen das Licht sich bricht. Das Ergebnis dieser einzelnen Störungen ist eine  Abbildung in fotografischer Qualität oder ein gut lesbarer Text. Mit der Technik der gelaserten Bilder haben wir ein High-End Produkt, welches trotzdem die Erinnerungen an die 40er Jahre wecken kann. Die Verfremdung der Bilder in farblose, dreidimensionale Strukturen ist technisch gesehen hochinteressant und von überraschend hoher Qualität in der Wiedergabe. Die Verfremdung bekannter Bilder wie z. B. Auschwitz oder dem Kröpcke in Hannover lassen den Besucher innehalten.

Ich wollte, dass der Besucher der Ärztekammer das Denkmal nicht im Vorbeigehen mit einem Blick erfassen kann, zustimmend nickt, und weiter geht, sondern selber aktiv werden muss, wenn er die Arbeit ganzheitlich erfassen will. Das Denkmal sollte nicht plakativ aus der Ferne zu beurteilen sein. Die verschiedenen  Höhen und die in der Tiefe gestaffelten Stelen nötigen ihn, seinen Standort zu wechseln und sich selber zu bewegen, und das nicht nur im übertragenden Sinn.

Er muss näher treten, sich selber bewegen, neugierig werden und Lust daran entwickeln Details zu finden. Dann wird er entdecken, dass nicht die jüdischen Ärzte als anonyme Gruppe sondern individuelle Einzelschicksale benannt sind. Diese einzelnen Denkmale organisieren sich zu einem Gesamtbild. Der Sockel fügt sie zu einer Gruppe zusammen ohne ihnen die Individualität zu nehmen.

Die einzelnen Stelen sind von unten, aus dem Inneren der anthrazitfarbenen Sockel, beleuchtet. Ich wollte das Denkmal bewusst nicht von außen beleuchten, nach dem Motto – schaut alle her, wir haben ein Denkmal geschaffen, sondern  im übertragenen Sinn haben die Opfer eine eigene innere Strahlkraft in Form eines diskreten Glimmen. Es fällt auf, dass einige Glaswürfel nicht mit Inhalten gefüllt sind. Sie stehen für die Vielen, die nicht genannt sind. Sie selber können sie gedanklich füllen: Sinti und Roma , all die anderen Ärzte oder medizinisch Bedienstete unter der Nazidiktatur wie Tierärzte und Zahnärzte , Krankenschwestern oder Hebammen, aber auch Schwule, Widerständler, Gewerkschaftler… In wenigen Jahren gibt es keine Augenzeugen mehr, keine Eltern oder Großeltern, die  als Zeitzeugen authentische Auskunft geben können. Hier und Heute ist die letzte Chance solch ein Denkmal zu realisieren.

Die größte Schwierigkeit ist es, Persönlichkeiten für finanzielle Unterstützung solch eines Mahnmals zu gewinnen. Drs. Ricarda und Udo Niedergerke ließen sich sofort von der Idee des Denkmals begeistern und gaben spontan  eine Finanzierungszusage. Ohne die Beiden würden wir dieses Denkmal nicht in so kurzer Zeit erstellt haben. Dafür kann man Drs. Niedergerke nur höchste Achtung und Dank aussprechen.

Zur Erinnerung, das  Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, welches 2004 eröffnet wurde, benötigte 18 Jahre von der Gründung des Arbeitskreises bis zur Eröffnung.

Ich freue mich, dass wir gemeinsam in der kurzen Zeit von 2 Jahren ein so wichtiges „Denk – Mal“ realisieren konnten.

Peter Schmitz

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